Festliche Eröffnung des Johann-Heinrich-Voß Literaturhauses in Penzlin

Die mecklenburgische Stadt Penzlin rang nach der historischen Wende von 1989 viele Jahre um die Verwirklichung eines ihrer zentralen städtebaulichen wie kulturellen Wunschprojekte: die komplette Sanierung des baufälligen Rektorhauses in der Turmstraße 35, in dem der Dichter, Kritiker und Übersetzer Johann Heinrich Voß in den Jahren 1759-1766 zur Schule ging. Im Zuge der Sanierung des denkmalgeschützten Fachwerkgebäudes am Markt plante sie die Einrichtung eines Voßhauses. Eine ständige moderne Literaturausstellung „Johann Heinrich Voß. Ein Grieche aus Mecklenburg“, die Stadtbibliothek und eine attraktive terrassierte Hofgestaltung sollten räumlich und funktional miteinander verknüpft werden. Zudem sollten in einem Ergänzungsbau die Touristinformation und ein lichtdurchlässiger Saal Platz finden, in dem Veranstaltungen und Schulprojekte unter Einbeziehung von Ausstellung und Bibliothek durchgeführt werden können.

Die Einrichtung des Voßhauses in Penzlin war den Stadtvätern deshalb so wichtig, weil es um Sichtbarkeit einer von Aufklärung und Humanismus geprägten bedeutenden deutschen Tradition geht. Nachdem das Voß-Haus in Eutin, wo Johann Heinrich und Ernestine Voß von 1784-1802 lebten, 2006 einer Brandstiftung zum Opfer fiel, vervielfachte die Stadt Penzlin ihre Anstrengung. Sie fand auf ministeriellen Ebenen, in kulturfördernden Gremien des Landes, in Universitäten, aber auch in zivilbürgerlichen Bereichen Partner, mit denen das lang gehegte Projekt verwirklicht werden konnte: Voß in Penzlin eine Heimstadt zu bieten, die ein breites touristisches und schulisches Publikum erreicht.

Johann Heinrich Voß hatte sich als Spätaufklärer und Sturm und Drang-Dichter leidenschaftlich für eine Neuordnung des Wertegefüges und der Welt eingesetzt, wie es in dieser Radikalität selten war. Seine utopischen bürgerlichen und sozialkritisch gegen Ständegesellschaft und Leibeigenschaft gerichteten Idyllen haben ihn ebenso berühmt gemacht wie seine noch heute Maßstäbe setzenden Übertragungen Homers und anderer griechischer und lateinischer Dichter ins Deutsche. Voß ergriff das antike Griechenland als Gegenbild zu den erlebten deutschen Zuständen. Der aus Penzlin stammende Zeitgenosse von Lessing, Klopstock, Goethe, Schiller, Wilhelm von Humboldt stieß als erster deutscher Übersetzer Homers den Deutschen das Tor zur Antike auf. Mit dem Voß-Haus Penzlin bekommt die Beschäftigung mit der Antike, die für die deutsche Kultur so wichtig war, neben dem benachbarten Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen in Mecklenburg eine zweite Heimstatt.

Voß gedachte stets seiner Anfänge in Penzlin auf einem Weg, der ihn nach dem Schulbesuch in Penzlin (1759-1766) und Neubrandenburg (1766-1769) zunächst als Hauslehrer derer von Oertzen nach Ankershagen (August 1769-1772), zum Studium der alten Sprachen und Literaturen nach Göttingen (1772-1775), als Redakteur nach Wandsbek im Land Holstein (1775-1778), als Schulrektor nach Otterndorf (1778-1782), Eutin (1782-1802), Jena (1802-1805) und als Berater der Universität nach Heidelberg (1805-1826) führte.
Der denkmalgeschützte klassische Fachwerkbau mit Lehmeinschubdecken, in dem Voß als Schüler der so genannten Rektorklasse lernte, war um 1740 von Otto Julius Frhr. von Maltzan als Stadtschule und zugleich als Wohnung des Rektors errichtet worden. Als lokale Obrigkeit besaß die Familie Maltzan damals das Patronatsrecht u.a. über Kirche, Schule, Polizei- und Gerichtswesen sowie den Dammzoll. Ab 1846 wurde es privat als Wohnhaus genutzt. Ab 1994 stand das Gebäude leer. Es konnte viele Jahre nur notdürftig gesichert werden. Nach achtundzwanzigmonatiger Bauzeit wurde das Gebäude Ende November 2018 fertig gestellt. Das ursprüngliche Hinterhaus wurde durch einen sich gut einfügenden Neubau ersetzt. Infolge des allgemeinen Baubooms, gestiegener Baukosten und unvorhersehbarer Herausforderungen durch die Gebäudesituation belaufen sich die Baukosten auf 2,2 Millionen EUR, die Bauzeit überschritt die Planungen um 10 Monate.

Das Bauvorhaben wurde vom Architekten Christian Peters, Freie Architekten und Ingenieure (Neustrelitz), realisiert. Die Umsetzung der von Prof. Dr. Andrea Rudolph (Universität Opole/Museum Penzlin) in Kooperation mit dem Internationalen Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (IZEA) realisierten Ausstellung „Johann Heinrich Voß. Ein Grieche aus Mecklenburg“ lag in den Händen der Agentur NORDDesign Waren GbR.

Die Stadt Penzlin freut sich, dass das Haus und die Ausstellung „Johann Heinrich Voß. Ein Grieche aus Mecklenburg“ am 29.03.2019 der Öffentlichkeit vorgestellt werden kann. Das Rednerprogramm zum Festakt widerspiegelt die nationale Bedeutung der Einrichtung eines Hauses für Johann Heinrich Voß in seinem Herkunftsort und die kulturpolitische Unterstützung dieses Anliegens durch das Land Mecklenburg-Vorpommern, durch Stiftungen wie durch private Förderinitiativen. Die Stadt Penzlin ist an diesem Tag besonders jenen verbunden, die frühzeitig das Projekt mit Interesse und Förderzusagen begleitet haben: dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit, dem Ministerium für Inneres und Europa, dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, der Müritz-Sparkasse in Waren, Dr. Bernd-A. Freiherr v. Maltzan, den Sponsoren um das Ingenieurbüro Günther Glanz und vielen privaten Spendern. Sie begrüßt zudem Gäste aus der Voß- und Penzliner Partnerstadt Otterndorf, aus der Voßstadt Eutin, die mit Gratulanten der Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft vertreten ist, und Mitglieder der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt, die jährlich den renommierten Johann-Heinrich-Voß-Preis für herausragende übersetzerische Werke vergibt.

Geplant ist der Beginn der Festveranstaltung für geladene Gäste im Raum Olymp des Voßhauses um 11:00 Uhr. Der erste Teil der Veranstaltung – der Festakt – ist der Schlüsselübergabe des Architekten Christian Peters an den Bürgermeister, den Grußworten aus Politik und Bildung sowie der Förderer und der feierlichen Enthüllung einer Homerbüste aus der Werkstatt Walther Preiks vorbehalten. Im Gegeneinanderhalten überlieferter Homer-Bildnisse, aufbewahrt in europäischen Nationalmuseen, und mit Blick auf den deutschen Griechen Voß schuf der 2018 verstorbene Warener Bildhauer Preik für Penzlin seine letzte große Arbeit, den Homer des Johann Heinrich Voß. Diesen Festakt rundet gegen 13:30 Uhr eine kulinarische Pause bei Kanapees, Kaffee und Kirschkuchen nach Ernestine Voß ab.

Der sich an alle Interessenten wendende öffentliche Teil beginnt am Nachmittag um 14:30 Uhr mit vier kurzen Festvorträgen, zu denen wir Professoren aus dem Pergamonmuseum Berlin, aus Halle und dem polnischen Łódź begrüßen. Anschließend lädt der Bürgermeister zu Rundgängen durch die Ausstellung ein. Dabei beantworten der Architekt, die Firma NORD-Design Waren GbR, die Ausstellungskuratorin und das Bauamt Penzlin gern Fragen.