Rede des Oberbürgermeisters Silvio Witt anlässlich der Gedenkstunde des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Rede des Oberbürgermeisters Silvio Witt anlässlich der Gedenkstunde des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der Stadt Neubrandenburg und der Bundeswehr
Sonntag, 17. November 2019, 14 Uhr Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen

Sehr geehrter Brigadegeneral Durst,
sehr geehrter Peter Modemann, als Vorsitzender des Regionalverbandes des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Neubrandenburg,
sehr geehrter Militärdekan Lorek,
sehr geehrte Gäste,
liebe Neubrandenburgerinnen und Neubrandenburger,

„Frieden braucht Mut“ hat der Volksbund in diesem Jahr zur Überschrift seines 100-jährigen Bestehens gewählt. Vor 100 Jahren war die Aussöhnung erbitterter Kriegsgegner ein wichtiger Aspekt seiner Arbeit. Solche Feindschaften, wie damals etwa zwischen Frankreich und Deutschland, finden wir im heutigen Europa kaum noch. Populistische Strömungen, Finanzkrisen und der Streit um Beitragszahlungen stellen die Einigkeit in der Europäischen Union dennoch auf harte Proben. Trotzdem rechnet kaum jemand unter uns damit, dass es in der Zukunft wieder zu bewaffneten Konflikten europäischer Staaten kommen könnte.

Weltweit ist der Optimismus wohl kaum so groß. Ob beim Bürgerkrieg im Jemen, im indisch-pakistanischen Konflikt, den Auseinandersetzungen afrikanischer Volksgruppen oder bei blutigen Aufeinandertreffen von Paramilitärs in Lateinamerika, die Zahl bewaffneter kriegerischer Handlungen ebbt nicht ab. Tausende ziviler Opfer machen es uns schwer, von Frieden in der Welt zu sprechen.

„Frieden braucht Mut“, was das bedeutet, darauf müssen wir alle, jeder Einzelne für sich, die richtige Antwort finden. Im Kleinen mag das bedeuten, verletzenden Worten, Hass auf andere Menschen, Wut und Gewalt entgegen zu treten. Wir sind aufgefordert, Offenheit, Toleranz und ein konstruktives und respektvolles Miteinander zu pflegen. Das kann uns hier, auch in Neubrandenburg ein besseres und friedlicheres Leben ermöglichen. Internationale Konflikte wird unser freundlicher Umgang miteinander allein nicht entschärfen.

Wir organisieren diesen heutigen Tag und das Gedenken hier in Fünfeichen traditionell in enger Partnerschaft mit der Bundeswehr. Umso bedeutsamer fühlen sich für mich und sicher auch für viele Neubrandenburgerinnen und Neubrandenburg die Auftritte der Verteidigungsministerin in den vergangenen Tagen an. Sie hat daran erinnert, dass die Bundeswehr aus der Mitte unserer Gesellschaft kommt. Dass die Soldatinnen und Soldaten genau wie ihre Veranstaltungen deutlicher Teil unserer Öffentlichkeit sein sollten. In Neubrandenburg haben wir dies mit zahlreichen Partnerschaftsaktionen mit der Panzergrenadierbrigade 41 immer gelebt, ob mit Kommandoübergaben auf dem Marktplatz, der Präsenz der Einheit beim Vier-Tore-Fest oder dem Engagement der Soldatinnen und Soldaten für soziale Einrichtungen in der Stadt, etwa mit dem vorweihnachtlichen Benefizkonzert zugunsten des DRK.

Ohne den Einsatz mutiger Männer und Frauen in Uniform wird der weltweite Frieden kaum zu erreichen sein, das ist meine Überzeugung. Ihnen Respekt und Unterstützung für ihren schwierigen Dienst zu geben, garantiert nicht nur Zuspruch. Trotzdem sollte es selbstverständlich sein.

Ihr Einsatz ist mindestens genauso wichtig wie der vieler ziviler Helferinnen und Helfer, die sich für den Frieden engagieren. Ob als Arzt, Aufbauhelfer, Umweltschützer, Seelsorger oder Politiker.

„Frieden braucht Mut“. Im täglichen Leben den Mut, aufeinander zuzugehen. Andere zu akzeptieren und den Schwächeren zur Seite zu stehen.

Im Großen bedeutet es für mich den staatlichen Mut, in Konflikten einzugreifen, wenn Vermittlung allein nicht zum Erfolg führt. Für uns alle den Mut, auszuhalten, dass die Entscheidungen für internationale Militäreinsätze auch kritisiert werden. Dass diese auch Opfer bedeuten können. Wir sollten solidarisch zeigen, dass eine Bundeswehr, die als Parlamentsarmee auf Beschluss des Bundestages in der Welt präsent ist, auch zu unserer Gesellschaft gehört.

Der Volkstrauertag ist mehr als sein Name uns offen mit auf den Weg gibt. Aufgrund zweier Weltkriege hat Deutschland mehr Kriegsopfer verursacht als jedes andere europäische Land. In diesen Weltkriegen sind auch Millionen Deutsche zu Tode gekommen, beklagt und betrauert von Ehepartnern, Geschwistern, Eltern und Kindern. All diesen Opfern gemeinsam zu gedenken, gibt uns der heutige Tag Anlass und Zeit. Er soll uns aber nicht nur trauern lassen, er führt uns damit auch die Gründe vor Augen, wieso Frieden, egal wie selbstverständlich er in unserem Land geworden ist, unser wichtigstes Ziel sein muss.

Wir können dankbar sein, dass kriegerische Auseinandersetzungen seit Jahrzehnten kaum direkte Auswirkungen auf unser persönliches Leben haben. Opfer in der Familie, Hunger und Leid hat kein weltweiter Krieg mehr für die meisten von uns bedeutet. Unsere Gesellschaft und auch unsere Stadt wurden durch die Folgen des Bürgerkrieges in Syrien trotzdem beeinflusst. Die Aufnahme von Schutzbedürftigen hat in unserem politischen System neue Kräfte gestärkt, die Debattenkultur und Mehrheitsverhältnisse verändert. Der Ton ist rauer geworden. Politischer Druck und Tempo haben zugenommen. Unabhängig davon, wie man diese Veränderungen bewertet, sollte uns allen ihre Ursache im Gedächtnis bleiben. Hunderttausende haben in Europa Schutz gesucht, weil in ihrer Heimat Krieg und Gewalt herrschen. Nicht nur in Syrien, auch im Irak, der Ukraine oder in Afghanistan können Menschen nicht sicher leben.

Direkt mit ihrer Anwesenheit oder indirekt mit der Unterstützung von Nato-Partnern hat die Bundeswehr in vielen dieser Konfliktherde Verantwortung für den Frieden übernommen. Das bedeutet für die Soldatinnen und Soldaten nicht nur, dass sie den Mut brauchen, sich für den Frieden einzusetzen. Sie bringen auch Opfer, wenn sie mit körperlichen oder seelischen Verletzungen aus dem Einsatz zurückkommen oder einfach, wenn sie über Monate von ihren Angehörigen getrennt sind. Menschen, die in Krisenregionen vor Ort sind, werden auch zu wichtigen Botschaftern. Sie sind nah dran am Geschehen und können Ursache und Wirkung von Konflikten einschätzen. Wer ihnen zuhört, kann verstehen und vielleicht sogar in Zukunft besser handeln. Auch hier zeigt sich, wie wichtig eine besonnene Gesellschaft ist, die zuhören kann.

Zeigen Sie, liebe Neubrandenburgerinnen und Neubrandenburger, dass unsere Stadt den Einsatz der Bundeswehr zu würdigen weiß und bereit ist, ihn zu unterstützen. Zeigen Sie auch mit dem Engagement im Volksbund Kriegsgräberfürsorge oder mit Ihren Spenden, dass wir um die Opfer von kriegerischen Handlungen nicht nur trauern, sondern dass wir uns aktiv für den Frieden einsetzen wollen.

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