Regenbogen auch ohne Regenwetter: Ab Samstag weht die Regenbogenflagge vor dem Bahnhof

„Wir sind hier. wir sind queer“ lautet das Motto des Neubrandenburger Christopher Street Day (CSD), den der Verein queerNB am 24. August groß feiern will. Doch schon eine Woche vorher wird es in Neubrandenburg und Neustrelitz Aktionen geben.

So wird am kommenden Samstag, 17. August, um 16 Uhr Oberbürgermeister Silvio Witt gemeinsam mit Mitgliedern des Vereins die Regenbogenflagge vor dem Neubrandenburger Bahnhof hissen. Dort wird die Flagge eine Woche lang wehen, bis es am 24. August erstmals in Neubrandenburg einen CSD-Demonstrationszug geben wird. Damit setzt die Stadt Neubrandenburg ein wichtiges Zeichen für die Akzeptanz der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt.

Denn klar ist: Auch nach der Eheöffnung für gleichgeschlechtliche Paare im Jahr 2017 gibt es noch einiges zu tun: Neben der Abschaffung des Blutspendeverbots für Männer, die Sex mit Männern haben, fordert der CSD Neubrandenburg unter mehr Sichtbarkeit queeren Lebens in Medien und Werbung schaffen.

Silvio Witt hat gemeinsam mit Ministerpräsidentin Manuela Schwesig die Schirmherrschaft für den CSD übernommen. Den ersten CSD gab es bereits im Jahr 1998 als Infomeile in der Turmstraße. Im Jahr 2002 hisste Stadtpräsidentin Dolores Brunzendorf gemeinsam mit André Sandmann von der INITIATIVE ROSA-LILA bereits die Regenbogenflagge am Rondell vor dem Rathaus. Mit Silvio Witt hisst nun erstmals ein Neubrandenburger Oberbürgermeister die Flagge.

Alle Programmpunkte der CSD-Woche:

Samstag, 17. August: 16 Uhr Hissen der Regenbogenflagge vor dem Bahnhof Neubrandenburg mit dem Oberbürgermeister.

Montag, 19. August: 18 Uhr CSD-Andacht, Kirche der Friedensgemeinde, Semmelweisstr. 50, Neubrandenburg

Dienstag, 20. August: 17 & 20 Uhr Filmabend „Stonewall“, INITIATIVE ROSA-LILA, Tilly-Schanzen-Str. 17, Neubrandenburg

Mittwoch, 21. August: 19 Uhr Queer-Strelitz liest im Wartezimmer, Arztpraxis Guido Antonow, Parkstr. 37, Neustrelitz

Donnerstag, 22. August: 14 Uhr Gedenken am Frauenehrenmal Neubrandenburg; 17 Uhr Autorenlesung „Heteros fragen, Homos antworten“, Standesamt, Friedländer Tor 1, Neubrandenburg

Freitag, 23. August: 18 Uhr B² – Bier und Basteln, Neubrandenburg

Samstag, 24. August: 14 Uhr Demobeginn, Busbahnhof Neubrandenburg, 16 Uhr CSD-Torfest (Bühnenprogramm und Infomeile), Friedländer Tor, 22 Uhr AFTER CSD NB. Die Party, SCALA EVENT CENTER, An der Hochstraße 4, Neubrandenburg

Vor über 20 Jahren: Erster CSD in Neubrandenburg

Ein Blick in das Archiv der INITIATIVE ROSA-LILA zeigt: Am 24. August 2019 wird nicht der erste Christopher Street Day in Neubrandenburg stattfinden. Denn in den Regalen des queeren Archivs schlummern CSD-Veranstaltungshefte, die älter sind als einige der heutigen CSD-Teilnehmer/innen. So wurde im Juni 1998 unter dem Motto „QUEER DURCHS LAND“ der erste landesweite CSD in Neubrandenburg begangen.

Seit 1970 erinnert der Christopher Street Day an den Stonewall-Aufstand in der Christopher Street in New York am 28. Juni 1969. An diesem Tag widersetzte sich eine größere Gruppe von Homo- und Transsexuellen den immer stärker gewalttätig werdenden Polizeirazzien. 1979 finden dann die ersten CSDs in Deutschland statt.

In Mecklenburg-Vorpommern war es 1998 soweit. Vorreiter war seinerzeit Neubrandenburg. In der Vier-Tore-Stadt hat sich Ende der 1990er Jahre ein aktives queeres Leben etabliert, unter anderem durch die INITIATIVE ROSA-LILA, die Volleyballgruppe „Wallabys“, einen LesbenTreff, den Regenbogen e. V., die AIDS-Hilfe Neubrandenburg e. V., die Gay-Bars INCOGNITO und PAGAGEI in der Morgenlandstraße. Gemeinsam mit queeren Vereinen und Initiativen aus dem Land gestalten sie im Juni 1998 den ersten landesweiten CSD in MV in Neubrandenburg. Dieser war keine Parade oder Demonstration, sondern ein Wochenende mit verschiedenen Veranstaltungen zu queeren Themen und einer Infomeile mit Ständen der Teilnehmenden in der Turmstraße. Ab Mitte der 2000er Jahre verändert sich die queere Szene in Neubrandenburg und die finanzielle Situation für die Vereine wird schwieriger. Die CSD-Woche der Vorjahre ist 2007 das letzte Mal in der Region unterwegs.

Und nun ist es am 24. August 2019 nach 12 Jahren Pause wieder soweit – ein Christopher Street Day mit Demonstration, Straßenfest und der traditionellen CSD-Woche findet in Neubrandenburg statt.

Queere Lese- und Lebensgeschichten

Im Rahmen des Norddeutschen Bücherfrühlings stellen lesbische und schwule Neubrandenburger*innen ihre Lieblingsbücher vor. Die Lesenden Christoph Biallas, Iris Arndt, Boie Peters, Lisa Mau und Silvio Witt thematisieren dabei unter anderem Coming-Out, Liebe, Humor und ein Anderssein, was oftmals auch ganz normal ist.

„Dabei freuen wir uns im Anschluss über einen lebhaften Austausch über die queeren Lese- und Lebensgeschichten unserer Gäste“, so Marcel Spittel, Vorsitzender des Vereins queerNB. Die Veranstaltung findet am 31. Mai von 20 bis 22 Uhr im Torcafé im Friedländer Tor statt. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

Gedenken an die lesbischen Frauen im FrauenKZ Ravensbrück/Neubrandenburg

Das Netzwerk queerNB wird am internationalen Frauentag (8. März) den im Konzentrationslager Ravensbrück/Neubrandenburg internierten lesbischen Frauen gedenken. Dazu ist die Teilnahme und Kranzniederlegung an der vom Demokratischen Frauenbund e. V. (dfb) veranstalteten Gedenkveranstaltung für die Opfer des KZ Ravensbrück Neubrandenburg am Frauenehrenmal in der Neubrandenburger Oststadt geplant. Bei der um 10 Uhr beginnenden Veranstaltung wird Brigitte Triems, die dfb-Bundesvorsitzende, eine Gedenkrede halten. Zudem wird aus der dfb-Dokumentation „Wo es nichts zu weinen gibt“ gelesen.

Die Erinnerung an die im Konzentrationslager Ravensbrück internierten Lesben ist seit Jahrzehnten höchst umstritten. In den 1980er Jahre versuchte erstmals die Ost-Berliner Gruppe „Lesben in der Kirche“ in der „Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück“ an die lesbischen Opfer zu erinnern. Dabei wurden die Frauen teilweise bereits bei ihrer Anreise am Bahnhof Fürstenberg durch Polizisten abgefangen und stundenlang verhört. Später wurden niedergelegte Kränze vernichtet und Einträge in das Gedenkbuch entfernt. Bis heute gibt es in Ravensbrück keine würdige Form des Gedenkens an die lesbischen Opfer. Erst im Oktober 2018 scheiterte der Vorschlag, eine Gedenkkugel für die ermordeten lesbischen Frauen zu installieren.

Historikerinnen betonen, dass homosexuelle Frauen zwar anders als homosexuelle Männer von den Nazis zwar nicht aufgrund des Strafgesetzbuch-Paragrafen 175 verfolgt wurden, aber ihr Lesbisch-Sein ein Faktor war, der dazu beitragen konnte, im Konzentrationslager zu landen. Dort trugen Lesben nicht den Rosa-Winkel, sondern wurden u. a. mit einem schwarzen Winkel als „Asoziale“ gekennzeichnet. Diese Unsichtbarkeit führt bis heute zu einer Marginalisierung dieser Gefangengruppe in der Erinnerungskultur.